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Vorwort
Man stelle sich vor: In einem Weinberg werden über Jahre hinweg Spitzenqualitäten erzeugt. Man zählt ihn zu den besten im Land, vielleicht sogar weltweit. Nun wachsen direkt neben diesem Spitzenweinberg Hecken und das schon seit über 30 Jahren. Wie ist das zu erklären?
Ganz einfach: Er ist extrem schwierig zu bewirtschaften, der Einsatz von Traktoren ist unmöglich und der Boden viel zu mager, um große Erträge zu bringen. Aber ist das ein Grund?
Nein! Für uns nicht! Nicht mehr! Qualität hat schließlich auch was mit Quälen zu tun. Und so haben wir uns entschlossen, uns in den nächsten Jahren noch etwas mehr zu quälen, um Ihnen als Liebhaber großer Terroir-geprägter Weine in Zukunft vielleicht noch mehr bieten zu können.


An die neue Fläche schließen sich rechts weitere Fläche von uns an.

Von was rede ich hier eigentlich?
Ich rede von einer 0,64 Hektar großen Parzelle im Halenberg, die wir 2006 mit erheblichem Aufwand in unseren Besitz bringen konnten. Sie schließt direkt an einen bereits bestehenden Weinberg im Halenberg an, den wir intern als "Lay", wie Schiefer, bezeichnen. Die Qualitäten die wir in den letzten Jahren dort ernten durften, die Bewertung als erste Güte in unserer preußischen Steuerkarte von 1901 und letztendlich auch unser Wissen von den geologischen und mikroklimatischen Bedingungen - das alles hat dazu geführt, dass wir schließlich erkannt haben, dass es tatsächlich eine Schande wäre, dieses Filetstück des Halenbergs den Dornenhecken zu überlassen.
[Frank Schönleber]


Der Forstmulcher hat das steilste Stück in der Mitte noch vor sich.


Unser Projekt 2007: Rekultivierung Halenberg "Lay"

1. Rodung
Ein vermeintlich großes Problem konnte durch Einsatz schwerer Forsttechnik doch relativ leicht in den Griff bekommen werden.
Die Büsche und kleinen Bäume, die in den letzten 30 Jahren auf der Fläche gewachsen sind, mussten zunächst einmal weichen. Per Hand hätte dies wochenlange Arbeit und viel Schweiß gekostet. Dank diesem Gerät war alles innerhalb eines Tages erledigt:

Es handelt sich um eine schwere Gummiketten-Raupe mit einem Forstmulcher als Frontanbaugerät.
Bei der Bergfahrt verarbeitet der Mulcher alles was ihm in den Weg kommt zu grober Mulchmasse. Selbst kleine Bäume mit 20cm Stammdurchmesser sind kein Problem. Bei der Talfahrt wird der noch verbliebene Bewuchs, sowie der grobe Mulch zu bestem Kompostmaterial zerkleinert.
Bei teils 70% Steigung hatte selbst der Raupenfahrer große Bedenken, dass er tatsächlich die gesamte Fläche bearbeiten kann. Wir hatten uns schon auf Schwielen an den Händen und Dornenkratzern an den Armen eingestellt, die wir uns bei der Restarbeit sicher zugezogen hätten. Doch wir hatten Glück! Mit großem Geschick schaffte es unser Fahrer tatsächlich die ganze Fläche abzumulchen - obwohl er mehrfach hängen blieb und nochmal neu ansetzen musste.
[September 2006]

2. Rigolen
Ein zügiges Wachstum der jungen Reben kann nur gewährleistet werden, wenn es die zarten Wurzeln möglichst leicht haben, sich in tiefere Bodenschichten vorzuarbeiten. Aus diesem Grund wird eine neu zu bepflanzende Weinbergsfläche grundsätzlich zunächst rigolt. Man versteht darunter die tiefe Lockerung und Aufbrechung des Bodens. Auf Flächen, die leicht mit dem Traktor zu befahren sind, kann diese Arbeit mit einem Mehrscharpflug erfolgen oder aber mit einer Spatenmaschine. In Steillagen wie dem Halenberg sind wir noch immer auf dieses Gerät angewiesen:

Zu sehen ist hier ein Seilwinden-gezogener Sitzpflug mit nur einem Schar. Hiermit wird von unten nach oben gearbeitet. Bei jeder Bergfahrt wird ein maximal 20cm breiter Streifen Boden bis zu einer Tiefe von 50-60cm umgepflügt. Vier Männer waren hier drei Tage lang beschäftigt, um die ganze Fläche zu rigolen.

Wider unseren Erwartungen kam bei dieser Arbeit nur selten der Fels zum Vorschein. Dennoch war es an einigen Stellen nicht möglich, tiefer als 30cm zu rigolen. Dort werden es die Reben später sehr schwer haben. Die Weinbergspfähle oder Stickel, wie der Winzer sagt, werden wir an diesen Stellen wohl in Beton gießen müssen um die nötige Standfestigkeit zu gewähren.
Der allergrößte Teil der Fläche weist glücklicherweise eine ausreichende Bodenmächtigkeit von mindestens 60cm auf. Der Boden ist sehr steinig und doch, dank der langen Brache, recht humusreich. Optimale Voraussetzung für die Erzeugung von großen Weinen, da die Wuchskraft und Ertragsfreude der Rebe schon durch die natürlichen Bedingungen stark gebremst wird.
[Dezember 2006]

3. Pflanzung
In Flach- und Hanglagen können die Reben normalerweise recht einfach maschinell gepflanzt werden, in Steillagen wie dem Halenberg hingegen sind wir noch immer zur Pflanzung per Hand gezwungen. Dazu sind ein paar Vorbereitungen nötig:
Zunächst wurde der Weinberg "ausgezeilt". Das bedeutet, dass festgelegt wird, wie die Rebzeilen später verlaufen sollen, wie groß der Stockabstand werden soll und wie breit die Zeile. Wir haben uns zu einer Zeilenbreite von 1,90m und 1m Stockabstand entschieden.
Wichtig ist jetzt, dass die Zeilen später keinen Seitenhang aufweisen. Dies würde dazu führen, dass die Arbeitsgeräte, sei es nun Traktor, Raupe oder, wie in unserem Fall, ein seilgezogenes Arbeitsgerät all zu leicht seitlich wegrutschen und die Reben beschädigen würden. Beim Auszeilen ist die Voraussicht also extrem wichtig.
Weiter geht es jetzt mit dem Einschlagen der Weinbergspfähle oder "Stickel". Natürlich alles per Hand...

         

Rund 650 Stück wurden so auf die Fläche verteilt.
Nachdem diese Arbeit erledigt war und pro Reihe ein Draht über den Boden gespannt war, konnte es mit der eigentlichen Pflanzung losgehen. Der Draht diente hierbei als Orientierung, damit die Reben später alle schön ordentlich in einer Reihe stehen.
Die Pflanzlöcher wurden mit einem Erdbohrer im Einmannbetrieb unter viel Schweiß vorbereitet, um der Rebe, zusammen mit etwas Pflanzerde ein neues Zuhause zu geben.

         

Knapp zwei Wochen lang waren wir mit 5 Personen beschäftigt um 650 Stickel und 3600 Reben in die Erde zu bringen. Da freut man sich abends auf den Liegestuhl im Garten und ein schönes Glas Riesling-Sekt!
[April 2007]

4. Drähte spannen und Triebe aufbinden
Etwa drei Wochen nach der Pflanzung hatten fast alle jungen Reben ihre ersten Blätter entfaltet. Dann ging die Entwicklung rapide weiter.
Da die Reben nicht nur einen, sondern gleich mehrere Triebe ausbilden, müssen wir schon frühzeitig eingreifen. Nur der stärkste Trieb soll erhalten bleiben, so dass die Rebe möglichst schnell in die Höhe wächst. Auch Seitentriebe, sogenannte "Geiztriebe", können wir somit natürlich nicht gebrauchen; sie werden ebenfalls entfernt ("ausgebrochen"). Je häufiger man diese Arbeit macht, desto besser, da die Rebe so am wenigsten Energie verschwendet und die entstehenden Wunden klein bleiben.

         

Schon bald sind die jungen Triebe zu lang, um ohne Unterstützung gerade zu stehen. Es ist jetzt Zeit sie aufzubinden. Dies geschieht mit einer Heftzange, die ein dünnes Plastikband spendet, womit der Trieb an einem dünnen Stahlstab fixiert wird. (Foto oben links).
Aber auch dieser Stab, der den Rebstamm später stützen soll, ist schnell zu kurz und so müssen wir auch direkt die restlichen Drähte spannen um später die langen Triebe daran befestigen zu können. Pro Rebzeile werden insgesamt fünf Drähte benötigt, die per Hand eingezogen werden (Foto oben rechts). Das ergibt auf die Gesamtfläche dieses Weinbergs gut 20 Kilometer Draht!
[Juni 2007]

5. Wachstum fördern
Jetzt liegt es vor allem am Wetter, wie sich die Reben entwickeln. 2007 haben wir optimale Bedingungen! Es ist nicht zu heiß und von Zeit zu Zeit haben wir ergiebige Regenschauer. Die jungen Pflanzen müssen so keinen Durst leiden und wachsen schnell in die Höhe. Unterstützt wird dies von uns, indem wir der "spontane Wildflora" (man könnte es auch Unkraut nennen) zu Leibe rücken. Vor allem in direkter Nachbarschaft der Reben ist der Einsatz der Hacke gefragt um die hartnäckige Wasser-Konkurenz fern zu halten.


Ein toller Blick auf den Halenberg mit der neuen Parzelle im Hintergrund

Die Hauptfeinde der jungen Reben sind jedoch Hasen und Rehe, die sich von Zeit zu Zeit in unsere Weinberge verirren und eine besondere Vorliebe für die Triebspitzen der schwachen Pflänzchen haben. Dagegen hilft nach unseren Erfahrungen am besten die Vergrämung. Wir spritzen einmal pro Woche mit der Rückenspritze einen organischen Blattdünger, der wenige Tage nachdem er mit Wasser angesetzt wurde zu verwesen beginnt und wirklich "tierisch" stinkt. Wir schlagen somit zwei Fliegen mit einer Klatsche: Die Rebe bekommt zusätzliche Nährstoffe, die sie über das Blatt aufnimmt und die Hasen und Rehe bleiben ihr fern. 100% natürlich und sehr effektiv!
Auch dieses Jahr funktioniert dieses System bestens. Die jungen Triebe unserer Pflanzen haben bereits zu 95% eine Höhe von 1,50m, teils sogar von über zwei Meter erreicht.
[August 2007]

6. Winterruhe
Wenn an dieser Stelle seit August nichts mehr zu lesen ist, dann liegt das nicht etwa daran, dass wir schreibfaul geworden sind, sondern vielmehr daran, dass wir seit dem unser Jungfeld in Ruhe gelassen haben. Lediglich etwas Stroh haben wir im September eingebracht, um die Gefahr der Erosion bei einem heftigen Niederschlag zu bannen. Die jungen Reben haben nun, bei optimalen Wetterbedingungen, Längen von meist deutlich über 2 Meter erreicht und sind somit in bester Verfassung, um die Winterruhe anzutreten.
[November 2007]

7. Rebschnitt
Bevor die Reben wieder austreiben, ist es wichtig sie zurück zu schneiden. Bei älteren Reben wird dabei in der Regel über 90 Prozent des Holzes aus dem Vorjahr entfernt. Im ersten Standjahr fällt dieser Rückschnitt meist nicht ganz so extrem aus, da es nur einen einzigen Trieb aus dem Vorjahr gibt. Ist die Rebe stark genug, sollte sie höchstens auf Stammhöhe eingekürzt werden. War der Wuchs dagegen eher kümmerlich, wird radikal auf ein bis zwei Augen (Knospen) zurück geschnitten.
In unserem Fall sind die jungen Reben sehr kräftig gewachsen, so dass wir sogar schon einen kleinen Bogen anschneiden. Das bedeutet, wir kürzen die Rebe auf etwa 1,60m ein und biegen sie danach über den oberen Biegedraht, um sie dann am unteren Biegedraht zu befestigen. Jetzt ist es aber wichtig, dass schon bald nach dem Austrieb (April/Mai) die Triebzahl stark reduziert wird. Ansonsten würden wir den jungen Rebstock überlasten und dauerhaft schwächen.
[Februar 2008]

8. Bodenbearbeitung und Ausbrechen
Lange bevor die Reben wieder austreiben, schießt wie immer das Unkraut in die Höhe. Höchste Zeit für eine Bodenbearbeitung. Dazu benutzen wir jetzt einen leichten Grubber, der mittels Seilwinde nach oben gezogen wird; nach unten wird er manuell gezogen. Bei der Bergfahrt sitzt eine Person auf dem Grubber und lenkt diesen, während die zweite Person die Seilwinde am Traktor bedient. Zwischen den Rebstöcken muss das Unkraut allerdings per Hand oder Hacke entfernt werden.

Kurz nach dem Austrieb, wenn die Triebe etwa fünf bis zehn Zentimeter lang sind, ist ein guter Zeitpunkt für das erste Ausbrechen. So bezeichnen wir das Entfernen von überflüssigen Trieben am Stamm und an der Bogrebe. Wir belassen hier maximal sechs gut positionierte Triebe pro Stock. Nur so können wir gewährleisten, dass die verbleibenden Triebe auch kräftig genug werden um die ersten Trauben, die wir hoffentlich schon dieses Jahr ernten können, ernähren zu können.
[April/Mai 2008]

9. Laubarbeiten
Trotz des relativ trockenen Sommers wachsen die Reben auch dieses Jahr recht gut. Lediglich bei einigen schwächeren Stöcken müssen wir die Triebzahl noch einmal reduzieren und die Trauben entfernen. Die kräftigeren hingegen dürfen ihre Trauben zum größten Teil behalten. Wir können somit 2008 schon mit einer kleinen Ernte rechnen, die wir dann auch im Keller separat ausbauen wollen.
Je länger die Triebe werden, desto mehr Unterstützung brauchen sie durch den Drahtrahmen. Der Riesling kann sich an diesem mit seinen kräftigen Ranken schon sehr gut festhalten, aber nur, wenn der Trieb schon vorher aufrecht gewachsen ist. Hier müssen wir also unterstützend eingreifen, indem wir die Triebe zwischen den Heft- und Rankdrähten fixieren. Wir sprechen hier vom "Heften". Schon bald wird die Laubwand so hoch, dass wir sie mit der Heckenschere oder der Sichel zurecht stutzen müssen. Dieser Laubschnitt verhindert das Abbrechen der Triebe und fördert die Durchlüftung der Traubenzone, was wiederum der Gesundheit der Trauben zu gute kommt.
[Juni/Juli 2008]


Anfang Oktober setzt die Herbstverfärbung ein

10. Weinlese
Endlich ist es soweit - die Trauben sind reif! Größtenteils blieben sie kleinbeerig und sind daher sehr gesund. Goldgelb strahlen Sie uns aus der Laubwand entgegen. Hier und da findet sich auch etwas Botrytis, die sogenannte Edelfäule. Sie führt dazu, dass die Beerenschale dünn wird und somit das Wasser in der Beere leicht verdunsten kann. Übrig bleiben hauptsächlich Zucker, Säuren und ein sehr konzentriertes Aroma.
Am 22. Oktober können wir die ersten Trauben aus unserem Projekt 2007 ernten. Mit Qualität und Menge sind wir hoch zufrieden. Auf jeden Fall werden wir den Most separat ausbauen, um bei der Jungweinprobe im nächsten Frühjahr schon mal ein Gefühl für die Eigenarten des neuen Weinbergs zu bekommen. Nicht auszuschließen, dass es letzten Endes auch eine separate Füllung geben wird. Warten wir's ab.
[Oktober 2008]

Nachwort
Gut zwei Jahre sind vergangen, seit der Forstmulcher Platz für diesen einzigartigen Weinberg gemacht hat. Die Zeit verging wie im Flug. Immer wieder verlangte der neue Weinberg nach besonderen Pflegemaßnahmen, deren Ablauf natürlich nicht zu sehr von den bestehenden Ertragsanlagen ablenken durfte.
Die wichtigsten Schritte konnten Sie seit dem auf dieser Seite verfolgen. Von nun an, werden wir unsere "junge Lay", wie wir den Weinberg intern nennen, mehr oder weniger wie alle anderen steilen Weinberge behandelt, mit dem Unterschied, dass wir in den ersten Jahren noch mehr darauf achten müssen, dass die Reben nicht durch zu hohe Erträge überlastet werden. Alte Reben hingegen regeln das fast von allein.
Fast unbemerkt haben wir dieses Jahr aber schon wieder ein neues Projekt begonnen. Unser Projekt 2008 besteht in der Rekultivierung von rund 1,2 Hektar Weinbergsland, das ebenfalls teilweise über dreißig Jahr ungenutzt blieb.
Die beiden neuen Riesling-Weinberge entstanden direkt über dem Halenberg. Mit 40 bis 50% Steigung sind diese für unsere Begriffe zwar noch nicht extrem steil, aber dennoch erhoffen wir uns hier in ein paar Jahren konstant hohe Qualitäten, die wunderbar zu unserem "Mineral" Riesling passen könnten. Wir werden unser Bestes tun, damit Sie sich schon bald selbst davon überzeugen können.
[Frank Schönleber]


Die neuen Weinberge: weiß: 2007, rot: 2008